Ein neues Herz
Rückblick auf einen Zeitabschnitt, der im Leben einiges verändert hat
Seit Geburt – oder besser gesagt schon vorher – hatte ich einen Herzfehler, mit dem ich jahrzehntelang ein relativ normales Leben führen konnte. Trotz der vielen Anomalien glichen sich diese so gut aus, dass auch sonstige Organe nicht geschädigt wurden. Mit ca. 30 Jahren riet man mir, einige der Herzfehler korrigieren zu lassen, damit die Funktionstüchtigkeit des Herzens möglichst lange erhalten werden könne. Ich befand mich gerade im 2. juristischen Staatsexamen – nicht so der geeignete Zeitpunkt für eine Operation und so wurde der OP-Zeitpunkt nach dem Examen gelegt. Bei der OP lief alles wunderbar, es ging mir gut und bereits nach zwei Wochen war ich wieder aus der Klinik zurück und fing an Bewerbungen zu schreiben. Mein Weg führte mich dann über meine Arbeitsstelle nach Mainz und letztlich in die FeG Mainz. So mit Anfang 40 verschlechterte sich die Herzleistungsfähigkeit anfangs unmerklich und dann spürbar; es kam immer häufiger zu Herzrhythmusstörungen. Als diese zwar noch mit Medikamenten in den Griff zu bekommen waren, aber die körperlichen Kräfte weniger wurden, wurde mir von internistischer wie auch chirurgischer Seite nahe gelegt, mich einer Herztransplantation zu unterziehen. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen und tat, was die Bibel uns in solchen Situationen rät, ich bat die Ältesten meiner Gemeinde für mich nach Jakobus 5 um Hilfe und die richtige Entscheidung zu beten.
Es folgten viele Gespräche mit Gott, mit Ärzten, mit der Familie, mit Freunden, mit mir selbst über medizinische, psychologische, christliche, ethische und juristische Aspekte einer Herztransplantation. Schließlich gelangte ich zu der Überzeugung, dass eine Transplantation ein gangbarer Weg ist und dass Gott mit und ohne Transplantation Heilung schenken kann. Ich wollte für beide Wege offen sein und ein Ja zur Transplantation haben.
Am 13.09.2005 unterschrieb ich die Einverständniserklärung, dass ich zu einer Herztransplantation bereit bin. Am 05.10.2005 wurde ich bei Eurotransplant in Leiden auf die Warteliste für eine Spenderherz gesetzt.
Die folgenden Monate verliefen relativ unspektakulär. Ich konnte im Rahmen meiner körperlichen Möglichkeiten meiner Arbeit nachgehen und mein gewohntes Leben aufrechterhalten, hatte allerdings auch viele Untersuchungstermine und glücklicherweise nur wenige stationäre Aufenthalte. Im Sommer 2006 stellte sich sogar eine deutliche Verbesserung durch eine neue Medikation, basierend auf dem Ergebnis einer aktuellen Studie, ein. Sollte ich weiter gelistet bleiben? Die Ärzte rieten dringend dazu, weiterhin auf der Liste zu bleiben. Immer wieder komme es vor, dass nach einer Besserung eine plötzliche Verschlechterung eintrete und dann nicht schnell genug ein Spenderherz zur Verfügung stehe. Sie behielten Recht. Im Spätherbst 2006 merkte ich, wie mich mehr und mehr die Kräfte verließen, der gesamte Organismus nicht mehr ausreichend mit arteriellem Blut versorgt wurde und größere und kleinere Probleme auftraten. Aus diesem Grund wurde ich Anfang November 2006 für eine Woche stationär in die Klinik aufgenommen. Alle Beschwerden waren auf das schwächer werdende Herz zurückzuführen, Hoffnung auf eine baldige Transplantation konnte mir nicht gemacht werden, ich solle mich auf wenigstens ein weiteres halbes Jahr Wartezeit einstellen.
In der nachfolgenden Zeit ging es mir nicht gut. Ich war nur froh noch eigenständig zu leben und nicht in der Klinik auf ein Herz warten zu müssen. Werde ich es auf diese Weise bis zu dem entscheidenden Anruf schaffen?
Verständlich, dass mich in dieser Situation die Predigt von Joachim Hipfel am 1. Advent (03.12.2006) über die Wiederkunft Jesu
Am 08.12.2006, um 4.32 Uhr klingelte dann das Festnetztelefon mitten in der Nacht. Mein erster Gedanke, wer hat sich denn um diese Zeit verwählt; zweiter Gedanke, es wird doch nichts mit meiner Mutter sein. Aus dem Tiefschlaf gerissen, schaffte ich es nicht rechtzeitig zum Telefon zu kommen. Doch dann läutete das Handy. Ein Blick auf das Display genügte, um zu wissen, dass es jetzt wohl ernst wird, eine Nummer der Heidelberger Universitätsklinik.
Ein Arzt fragt mich: Sind sie bereit für ein neues Herz?
Ich trotz aller widerstreitenden Gefühle: Ja.
Arzt: Haben Sie einen Infekt?
Ich: Nein
Arzt: Sind sie transportfähig oder benötigen sie einen Krankenwagen?
Ich: Ich bin transportfähig und kann in einem normalen Fahrzeug transportiert werden.
Arzt: Ich werde den Transport organisieren, halten sie sich bereit, nehmen sie nur das Nötigste mit, sie werden in ca. einer halben Stunde abgeholt.
Ich bin ziemlich durcheinander, funktionierte aber irgendwie. Rufe meine Mutter an, diese informierte meine Brüder. Rufe meine Nachbarin an, die mit ihrer Tochter kommt, sie beten mit mir. Immer wieder der Gedanke, da ist jetzt gerade ein Mensch verstorben, die Angehörigen trauern und sind trotzdem bereit, mir und anderen zu helfen. Und der Gedanke, ich muss mein eigenes Herz abgeben. Um ca. 05.00 Uhr werde ich abgeholt. Sage vom Auto aus noch einige Termine ab, aber vieles bleibt ungeregelt/unerledigt. Ankunft in der Chirurgie in HD um 06.00 Uhr. Mir wird ein Zimmer zugewiesen, Flügelhemdchen liegt schon bereit. Belehrungen erfolgen, Einverständniserklärungen sind zu unterzeichen. Ich werde darüber informiert, dass alles noch abgeblasen werden kann, wenn sich herausstellt, dass mit dem Spenderherz etwas nicht ok ist. Gleichwohl müsse man mich bereits jetzt vorbereiten und mir Infusionen mit Cortison anhängen. Derweil rufen Familienangehörige und Freunde an, freuen sich mit mir, dass es endlich soweit und bangen mit mir, wie wohl alles werden wird. Joachim und Edeltraud beten mit mir. Schicke meiner Chefin, die an diesem Tag Geburtstag hat, noch eine Glückwunsch-SMS und melde mich vom Dienst ab.
Die OP-leitende Ärztin teilt mir mit, dass die OP stattfinden kann. Ich werde im Bett in einen Vorraum eines OPs geschoben, bekomme eine Spritze und bin weg. Die Zeit im OP-Saal dauert von 10.00 bis 18.00 Uhr. Die eigentliche OP dauert 5 Stunden und 40 Minuten.
Ich wache auf der Intensivstation ca. 2 Stunden später auf, ich bin nicht mehr intubiert, habe starken Durst, aber es gibt vorerst nichts. Ich bin mit vielen Geräten verkabelt und habe etliche Schläuche an mir hängen. Irgendjemand sagt mir, daß alles gut verlaufen sei. Bei aller Freude ist mir schlagartig bewusst, dass nun eine wesentlich anstrengendere Zeit als nach meiner ersten Herz-OP beginnt. Wie ich später erfahre- aber auch so vermute und spüre - beten ganz viele für mich. Ich fühle mich sehr getragen. Aber bereits am nächsten Morgen habe ich keine rechte Lust mehr hier zu liegen und zu kämpfen , sondern würde bei dem schönen Wetter viel lieber einen Spaziergang unternehmen. Kann ich nicht einfach meinen Körper zurücklassen und mal einen Ausflug unternehmen (der Gedanke kommt mir auch regelmäßig beim Zahnarzt.). Ich komme ja auch wieder zurück. Oder der Gedanke setzt sich fest, Herr warum hast du mich nicht gleich zu dir geholt, dass hier ist mir zu anstrengend. Aber nichts da, diesmal gibt es keine Gebetserhörung, die Zeit muß durchgestanden werden. Aber bereits an einem der ersten Tage mache ich mit dem Physiotherapeuten einen Ausflug über die Flure der Intensivstation. Alle Kabel, manche Geräte und Beutel gehen mit, aufgehängt an einem hohen Gehwägelchen. Welch ein Gefühl wieder zu stehen.
Meine Mutter ist in den 5 Wochen Klinikaufenthalt jeden Tag bei mir, und versucht mir meine Wünsche von den Augen abzulesen. Aber wegen der ständigen Übelkeit, dem regelmäßigen Erbrechen aufgrund der Medikamente und den vielen Wassereinlagerungen ist da oft nicht viel Text zu finden oder er ändern sich schneller als man einkaufen kann. Die Besuche vom Rest der Familie und von den vielen Freunden wechseln sich ab. Manchmal ist es körperlich anstrengend, aber immer tut es meiner Seele gut. Der Kontakt zur Außenwelt und das Wissen um liebevolle Unterstützung hilft mir, durchzuhalten und das Klinikpersonal freut sich mit an weihnachtlichen musikalischen Darbietungen.
Es folgen viele lange Nächte und ein immenser körperlicher und seelischer Stress, wie ich ihn bis dato nicht kannte. Aber mein Trost ist, dass Gott mitgeht und nun der Kampf ums Leben beginnt. Hätte ich einer HTX nicht zugestimmt wäre es ein Todeskampf geworden.
Ein Weihnachtslied von Jochen Klepper begleitet mich in dieser Zeit:
Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.
Nach weiteren 5 Wochen in einer Rehaeinrichtung durfte ich wieder nach Hause und entdeckte das Leben neu. Die Fortschritte gingen langsam aber stetig voran. Da war Geduld gefragt und musste gelernt werden. Im April 2007 habe ich meine Arbeit wieder stundenweise aufgenommen; seit Oktober arbeite ich wieder voll.
Rückblickend betrachtet hat mich diese Zeit – wen wundert’s - natürlich stark geprägt. Immer wieder kommen Erinnerungen hoch, aber die Abstände werden länger und der normale Alltag kehrt wieder. Auch dies muss angenommen werden. Was mich diese Zeit aber gelehrt hat und mir bestätigt hat, ist wie wichtig eine lebendige Beziehung zu Gott, zur Familie, zur Gemeinde, zu Freunden zu Kollegen usw. ist.
In Krankheits- und Krisenzeiten bröckelt unsere schön gepflegten Fassaden hoffnungslos ab und nur lebendige Beziehungen haben Bestand und werden sogar noch vertieft.
Ein ganz herzliches Dankeschön an alle, die in Beziehung zu mir investiert haben, ohne Euch hätte ich es nicht geschafft.
Und - last but not least - gilt mein Dank der Spenderin meines neuen Herzens und ihren Angehörigen, dass sie zu diesem Schritt der Nächstenliebe und Selbstlosigkeit trotz aller eigenen Not bereit waren.





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