Erinnerungen eines HTX - Patienten
Seit 7 Jahren wird zweimal Geburtstag gefeiert
Nach der Katheteruntersuchung lag ich, mit einem Druckverband versehen, auf einer Liege im Herzzentrum in der Universitätsklinik Mainz. Der mich untersuchende Arzt (er war später mein Betreuer) kam zu mir und teilte mir mit kurzen Worten mit: Herr K, Sie brauchen ein neues Herz. Dann ging er wieder weg und ich blieb geschockt zurück, unfähig diese Nachricht richtig zu begreifen. Mein Gehirn war, glaube ich, nur mit Watte gefüllt, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Neues Herz, das gab es doch nur in den Nachrichten oder im Fernsehen. Wieso ich? Es blieben nur Fragen, Ratlosigkeit und Sorgen.
Angefangen hat meine “Krankheit“ schon vor längerer Zeit. Noch während meiner Berufstätigkeit habe ich mal eine Lungenentzündung bekommen, wobei sich Wasser in der Lunge angesammelt hatte. Unser damaliger Hausarzt Dr. W. behandelte mich mit verschiedenen Medikamenten. Nach dem Motto: Wenn das eine Medikament nicht hilft, werden wir es mit einem anderem Präparat versuchen. Nach drei Monaten war ich einigermaßen gesund und außerdem wollte mich der Betriebsarzt sehen und mich dann ohne viel Federlesen pensionieren. Nun war ich im Ruhestand. Diese Situation war mir sehr angenehm: Ich konnte viele liegen gebliebene Arbeiten erledigen, konnte wie ein normaler Mensch schlafen, war nicht dem unregelmäßigen Wechseldienst ausgesetzt und plante Reisen. Aber der Himmel hat sich schon über mir dunkel gefärbt. Die liebe Gesundheit hat langsam nachgelassen. Es hatte sich bei Belastung Atemnot mit Herzklopfen eingestellt und meine Frau war auch schon sehr um mich besorgt. Zu Dr. W. wollte ich nicht mehr gehen, denn seine Behandlungsmethoden erschienen mir sehr suspekt. Nach langem Hin und Her entschloss ich mich, auf das Drängen meiner Frau, zu einem Kardiologen zu gehen und bekam schnell einen Termin.
Nach der Untersuchung wollte mich der liebe Doktor gar nicht mehr nach Hause gehen lassen. Ich sollte sofort in die Klinik nach Mainz gebracht werden. So langsam bekam ich es mit der Angst zu tun, aber zu meinem Glück, war in der Klinik an diesem Tag kein freies Bett zu bekommen. Auf diese Weise bekam ich einen Tag Aufschub und konnte noch einige Sachen erledigen. Ich fuhr mit der Meinung in die Klinik, dass ich nach einer Untersuchung wieder nach Hause komme. Weit gefehlt: Es wurden drei Wochen daraus.
Also, nach der Untersuchung am Herzen kam ich für eine Woche auf die Intensivstation, weil noch zusätzlich die Lunge nicht in Ordnung war. Nach einigen Infusionen und eine Woche später wurde ich auf der normalen Station in der Nachsorgeklinik einquartiert. Zuerst bekam ich Besuch von einem Psychologen, der mich auf das Kommende vorbereiten sollte, und mich psychisch stabil machen sollte. Er hatte versucht mich zu beruhigen, aber geholfen hat es nicht. Dann wurde ich nach und nach von Kopf bis Fuß gründlich untersucht, um festzustellen, ob ich überhaupt transplantationsfähig bin. Ich war es. Nebenbei wurde festgestellt, dass in meinem Oberkiefer ein Stück Wurzel vom früheren Zahnziehen übrig geblieben war. Natürlich musste dieses Teil in der Zahnklinik herausoperiert werden. Nach diesen drei Wochen und etlichen Untersuchungen, mit einer Herzleistung von knapp 15 % und der Auflage mich monatlich vorzustellen, wurde ich entlassen.
Ich hatte zwar die Schaufensterkrankheit und stand auf der Warteliste, war aber bei meiner Familie. Jetzt erst habe ich so langsam realisiert, was da mit mir passiert ist. Zum Glück bekam ich von meiner Frau und den Kinder den nötigen Halt. Bei der Beurteilung des Patienten in der Klinik wurde ausdrücklich nach dem familiären Umfeld gefragt. Die Wartezeit war für mich eine schlimme Zeit. Ich war in einem Augenblick psychisch in einem tiefen Loch und dann wieder voller Hoffnung. Noch schlimmer hat mich belastet, dass erst ein Mensch sterben musste, damit ich weiterleben kann. Es hat nicht viel gefehlt und ich hätte mich von der Warteliste streichen lassen, was ich dann aber doch nicht tat. So also pilgerte ich alle vier Wochen nach Mainz um zu erfahren, dass sich mein Zustand nicht gebessert hatte, eher verschlechtert. Dabei habe ich für viel Geld Vitamintabletten von dem berühmt- berüchtigten Dr. R. eingenommen. Na ja, was man halt so in der Not alles macht, geschadet haben sie aber nicht. Er wurde später von der Justiz verfolgt, weil er ein krebskrankes Kind nur mit Vitaminen heilen wollte. Sehr viele Gedanken habe ich mir um die Familie gemacht, da sich die Kinder noch alle in Ausbildung befanden und meine Frau noch zusätzlich mit der Pflege meiner Mutter mehr als genug zu tun hatte. Nach vielen Gebeten habe ich dann mein und unser Schicksal in Gottes Hand gelegt und meine innere Unruhe war auf einmal wie weggezaubert. Wie sehr diese Situation belastet, erkennt man an diesem Schicksal: Bei den Untersuchungen in der Klinik habe ich immer den gleichen „betroffenen Kollegen„ getroffen. Er war ebenfalls auf der Warteliste registriert. Später, nach meiner Operation, habe ich erfahren, dass er gestorben ist. Die psychische Belastung war sehr wahrscheinlich zu groß für ihn. Daran kann man erkennen, dass die Sorgen und Belastungen für den Betroffenen und seine Angehörigen riesengroß sind.
Der 6 November 2000 kurz vor 19 Uhr
Dann, wir saßen gerade zusammen und feierten im kleinem Rahmen den Geburtstag meiner Frau, klingelte das Telefon. In der Annahme, dass jemand anruft um seine Geburtstagswünsche zu übermitteln, hob ich den Hörer, zufällig in der Nähe des Telefons stehend, ab und es meldete sich die Stimme eines Arztes der Universitätsklinik Mainz. Es war nach zehn Monaten Wartezeit so weit. Der Koffer stand schon seit langer Zeit fertig gepackt bereit und unser Sohn W. fuhr mich schnell nach Mainz in die Klinik. Dort wurde ich bereits erwartet und von jenem Arzt, der bei uns angerufen hatte, empfangen. Er begleitete mich dann bei den gesamten Vorbereitungen bis zur OP- Schleuse und wünschte mir noch zum Abschied „Alles Gute“. In der Schleuse wurde ich von dem OP-Personal empfangen und es ging relativ rasant weiter. An einer Wanduhr konnte ich gerade noch die Zeit ablesen, sie zeigte 21 Uhr und 15 Minuten. Nach der Umsetzung auf einen OP Tisch schlief ich ein.
Gegen sechs Uhr am nächsten Tag bin ich auf der Intensivstation aufgewacht und wurde sofort von den Ärzten und dem Pflegepersonal versorgt. Zuallererst habe ich festgestellt, dass der Druck in meinem Brustkorb nicht mehr vorhanden war und ich mit der Hand nachfühlte, ob da ein Herzschlag zu spüren ist. Denn mein altes Herz war sehr vergrößert und hat entsprechend mehr Platz benötigt. Außerdem fiel mir auf, dass ich an vielen Schläuchen und Kabeln angeschlossen war. Am selben Tag bekam ich „in meinem neuen Leben“ Besuch von meiner Ehefrau, war aber noch durch Nachwirkung der Narkose sehr müde. Am nächsten Tag bekam ich, halb sitzend schon etwas zu essen. Am vierten Tag wurde ich schon auf die Wachstation verlegt und es ging mir schon merklich besser, aber die Infusionen bekam ich weiter wie gehabt. Wieder am dritten Tag war eine Verlegung in ein normales Krankenzimmer mit verkabelter Überwachung dran. Die Besuche der Familienmitglieder waren die einzigen Abwechslungen im Krankenhausalltag. Außer der Familie durfte mich niemand besuchen und so blieb mir nur das Krankenhauspersonal zu der wenigen kurzen Unterhaltung, denn die Schwestern und Pfleger hatten auch ihre verantwortungsvolle Arbeit zu erledigen. Zum Glück kam später jeden Tag eine Therapeutin um mit mir erste Spaziergänge im Flur und Treppenhaus zu üben. Nach der Verlegung in die NSK (Nachsorgeklinik) bekam ich zusätzlich noch Rückenmassage um die erschlaffte Muskulatur zu kräftigen. Sehr anstrengend und unangenehm waren immer noch die vielen Infusionen, denn meine Venen in den Armen waren so schlimm zerstochen, dass fast keine Stelle zu finden war, an der eine Nadel eingesetzt werden konnte.
Am 25.11.2000 wurde ich vorübergehend nach Hause entlassen, wo ich ein extra für mich renoviertes Zimmer vor fand. Die Freude war schon riesengroß und meine Zuversicht ebenso. Leider musste ich meine liebe Familie verlassen und in die Reha-Klinik in Bad Schwalbach fahren. W. hatte damals eine Praktikantenstelle in Bad Schwalbach und konnte mich fast jeden Tag besuchen. Natürlich bekam ich auch von den anderen Mitgliedern der Familie Besuch. Am 19.12.2000 endlich die lang ersehnte Entlassung!
Der Dauerpatient
Nach einiger Zeit habe ich realisiert, dass man nach einer Herztransplantation immer unter ärztlicher Aufsicht bleiben muss. Das Leben hat für mich eine neue Bedeutung bekommen. Dinge, die früher sehr wichtig erschienen, waren auf einmal bedeutungslos geworden. Wichtig sind die Familie und Gesundheit, das andere ergibt sich von alleine. Sehr wahrscheinlich geht es den anderen HTX- Patienten genauso. Sehr hilfreich sind die regelmäßigen Treffen mit anderen Transplantierten bei der Regionalgruppe Rhein-Main des BDO (Bundesverband der Organtransplantierten e.V). Zwei bis dreimal im Jahr werde ich in der Klinik eingehend untersucht. Eine davon, die Jahresuntersuchung immer im November, beinhaltet Herzkatheter mit einer Biopsie vom Herzgewebe.
Trotzdem bin ich meinem unbekannten Organspender sehr dankbar, dass er mir nach seinem Tod ermöglichte mit seinem gespendeten Organ weiter zu leben und ich denke sehr sehr oft an ihn. Ich kann in unserem Garten arbeiten, Reparaturen am Haus durchführen und verreisen. Die Untersuchungen gehen weiter und ich befinde mich im siebenten Jahr nach der Transplantation. Mit meinem Befinden bin ich ganz zufrieden und hoffe, dass ich mit Gottes Hilfe noch viele Jahre weiter leben darf.
Willys.





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